So, nun ist es endlich soweit - Bine und Flavia treten ihren Urlaub an! Gediegen - böse Zungen behaupten "spiessig" - wie man in unserem fortgeschrittenen Alter schon ist, haben wir uns eine Ferienwohnung auf Usedom gemietet. Der Plan ist, sich viel frische Meeresluft um die Nase wehen zu lassen, Wellness in Hülle und Fülle zu betreiben, viel zu lesen und natürlich zur Ost-West-Verständigung beizutragen.
Für alle, die nicht wissen, wie es aussieht, wenn Frauen für 7 Tage mit kleinem Gepäck reisen, hier Anschauungsmaterial:


In 4 Reisetaschen, gefühlten 10 Plastiktüten, einer Notebooktasche und einer halbgrossen Umhängetasche ist wirklich nur das absolut Notwendige für den Urlaub einer, Tschuldigung, zweier Frauen, drin! Ehrlich!
Irgendwann gegen 14.30 Uhr verlassen wir am Tag der Deutschen Einheit Hamburg auf dem Weg nach Usedom. Erster Zwischenstopp ist Stralsund - hier sollte die erste Übernachtung stattfinden. Tja - und offenbar standen wir nicht alleine mit diesem Gedanken da! Egal in welchem Hotel wir nach einem Zimmer fragten, die Antwort war immer die gleiche "Nein, wir haben keine Zimmer mehr frei". "Stralsund ist ausgebucht". OK -" im Inter City Hotel am Bahnhof" - da wo ungefähr 3 Hundertschaften Polizisten Position bezogen hatten - "da wäre wohl noch etwas frei". - Danke fürs Gespräch. Wir fuhren dann mal nach Rügen rüber und suchen weiter nach ein paar Betten.
Der Hund war urintechnisch kurz vorm Platzen, aber zum Gassi war jetzt keine Zeit. Wir ratterten über die Insel, vorbei an Pensionen und Hotels, in denen wir nicht schlafen wollten.
Aus dem Nichts heraus tauchte plötzlich ein echtes Tourihotel - es hätte auch in Llorett de Mar stehen können - vor uns auf. Hoffnung! Bine springt rein, um nach freien Zimmern zu fragen und siehe da, in diesem fiesen Bunker gab es noch ein Doppelzimmer! Doppelzimmer! Flavia stellten sich kurzfristig die Nackenhaare hoch - ein Doppelzimmer! Mit einer anderen Person drin! Das ist ja ihr ganz großes Hobby. Gut, tief durchatmen und sich die Situation schön reden - lieber im Zimmer zu zweit als zu zweit im Auto schlafen müssen.
Warum auch immer - wir wollten doch noch ein bisschen weiterschauen und fuhren weiter in den Ort Bergen hinein. Alles sehr niedlich und irgendwie sehr tot. Und was sahen unsere entzückten Augen? Ein Hotel! Klein, hübsch und gepflegt! Rein da und fragen!
Doch ein Doppelzimmer. Aaaaber in einem Romantik Hotel! Dasistdochwas.
Das Hotel ist schon nett, wir waren sehr froh, ein schönes großes Zimmer zu anständigen Konditionen zu bekommen. Da kann man schon mißtrauisch werden meint Ihr? Genau. Romantische Stimmung kommt garantiert auch beim verliebtesten Paar nicht auf, wenn ihr Zimmer über der Küche und neben dem Lüftungsschacht liegt! Fisch - und andere Essensgerüche durch das offene Fenster und kontinuierliches Gebrumme durch die Wand kommt! Echt romantisch!
Gut, auf Romantik legten wir es ohnehin nicht an, auch wenn man uns nachsagt, uns wie ein altes Ehepaar zu verhalten, aber unverhofft kommen wir doch in eine solche Situation. Oder könnt sich jemand etwas Schöneres vorstellen als gleichzeitig, also fast harmonisch, morgens um 4 durch absolute Mundtrockenheit aufzuwachen? Und nicht nur uns, auch dem Dino klebte die Zunge am Gaumen fest. Was auch der Ursprungsgrund für die Aufwachaktion war. Wenn nämlich ein Hund zwischen zwei Betten in Kopfhöhe liegt und anfängt, in einer angemessenen Dezibelzahl vor sich hinzuschmatzen, wacht jeder auf. Die trockenen Schleimhäute taten dann das ihre.

Zwischen dem Einchecken im Hotel und der Mundtrockenheit lag natürlich noch unser Restaurantbesuch! Wir wollten Soljanka essen, bzw. stand uns der Sinn eh nach Spezialitäten aus Meck-Pom. - wofür sind wir schliesslich hier? Dann kamen wir am Trüffelhus vorbei und dort stand etwas von Zitronenspaghetti - uns lief das Wasser im Munde zusammen. Aber der Laden war voll, der bettelnde Dino war dabei - also indiskutabel.
Peinlicherweise hatte Dino anscheinend angefangen, den Urin, den er tagsüber im Auto nicht absetzen durfte, aus Notwehr irgendwie auszuschwitzen. Er roch jetzt nicht direkt pissig, mittlerweile durfte er ja, aber das Odööhr von nassem Hund mit akuten Hautproblemen ging doch sehr aktiv von ihm aus. Das schloss nicht nur einen vollen Laden wegen der Bettelei aus, sondern auch einen kleinen. Wegen der Lüftung.
Also zurück zu den örtlichen Spezialitäten. Wie wir schon an anderer Stelle hörten, isst der Mecklenburgvorpommerner Kartoffeln. Der isst keine Nudeln. Basta. Zitronenspagetti hätten also gar nicht in unseren Plan gepaßt. Auf dem Markplatz kamen wir an dem "ältesten Gasthaus in Bergen" vorbei mit sehr traditioneller Speisekarte. Soljanka (Tschacka), halbe Hähnchen und allerlei Gutbürgerliches. So sah es von aussen zumindest aus. Da es nicht voll war, beschlossen wir kurzerhand, hier unser Glück zu versuchen.

Zunächst sah alles ganz reizend aus. Ältliche Schankwirtschaft mit hinterdörflichem Charme. Eine Bedienung von ungefähr siebzig Jahren mit Mitteilungsdrang, andere Gäste mit Chihuahua namens Kiki und Tochter namens Sandra (BindestrichMaria), die sich direkt in Dino verliebte und ihn und uns mit Anekdoten über das Inselleben unterhielt.
Direkt hinter uns die Küche, vor uns, um die Ecke, die Zapfhähne. Mutter Courage schlurfte mit unserer Bestellung (Soljanka ist aus. Nix Tschacka) Richtung Getränkebar und verscholl. Hinter uns in der Küche schob der dicke Koch gelangweilt zwei ältliche Salatteller umher und klapperte unmotiviert mit ungefüllten Töpfen.
Nach einiger Zeit fragten wir uns ernsthaft, ob Mutter Courage mittlerweile verstorben sei. Dabei hatten wir uns einen Apfelkorn bestellt, der ja weder schwer zu zapfen noch zu tragen war und eine gute Alternative zu nicht vorhandenem trockenen Sekt darstellte. Außerdem macht Apfelkorn Spass. Ist so. Der Koch verhielt sich weiter passiv. Die Spannung stieg. Sandra erzählte uns grade, dass ihr Vater in Trier wohnt, und dass man bei der Zeltfete heute, da wo sie gerne hinwollte und sich deswegen Glitzer ins Gesicht getan hat, erst ab achtzehn reindarf, da begannen wir, uns mit Blicken darüber zu verständigen, innerhalb der nächsten drei Minuten tätig werden zu wollen.
Grade, als wir die Notrufnummer wählten, schlurfte Madame mit Bier und Korn an und schlurfte in der gleichen Geschwindigkeit weiter in die Küche.
Die gute Laune war noch nicht getrübt.
Dann kamen die örtlichen Spezialitäten, welche wir uns anhand der reichhaltigen Karte (Soljanka ist aus, Sie könnten Hühnerbrühe bekommen) ausgesucht hatten. Zanderfilet mit Bratkartoffeln für Flavia und - ganz Mecklenburg - Cordon Bleu mit Pommes für Bine. Mit Majo. Man gönnt sich ja sonst nix.
Na gut. Das Cordon Bleu war rein äußerlich nicht von einem gebackenen Camenbert zu unterscheiden und die Pommes waren nicht sehr reichhaltig. Das originellste an dem Teller war der Ketchupmajoteil, welcher extra bestellt werden musste. Zwei Wellensittichschissgrosse Häuflein von jeweils einem Gewünschten lagen neben den Kartoffelspalten. Die sind doch mit einem halben Pommes weggeatmet.
Der Fisch halbwegs okä, stellten die Bratkartoffeln doch eine kulinarische Überraschung dar. Habt Ihr schon mal Pürree aufgebraten? So ungefähr. Mit Speck. Auf die Bitte, doch lieber Pommes zu wollen, weil aufgebratenes Pürree nicht der eigenen Vorstellung von Bratkartoffeln entspricht, wurde beleidigt, aber doch reagiert.
Zugegeben, wir haben schon besser gegessen. Eigentlich immer. Eigentlich haben wir selten schlechter gegessen. Aber es war das älteste Gasthaus in Bergen. Und wir leben noch. Und das Schwarzbier war ebenso gut wie der Apfelkorn. Und wir waren auf Rügen. Und wir hatten das Romantikhotel noch vor uns. Bitte oben weiterlesen.
Nicht verschweigen möchten wir den peinlichen Moment, als wir von einem Paar gefragt wurden, wo man in Bergen gut essen gehen könnte. Offensichtlich wurden wir für Einheimische gehalten - welches uns natürlich völlig rätselhaft war. Wir waren mächtig empört! Warum uns dies passierte, klärte sich allerdings auch schnell. Flavia hatte sich am morgen die Haare oben mit einer Spange zusammengezwirbelt und sah in etwa so aus wie eine polnische Putzfrau äh Modenmaniküre. So schnell kanns gehen - auch schön zu sehen, wie mistig man eigentlich aussehen kann.

Und so ging unser erster Tag zu Ende......